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Die Geschichte der Deutschen Weihnacht
Kapitel VII

Weihnachtsbescherung


Auf dem gesamten römisch-gallisch-deutschen Sprachgebiete war es in alter Zeit üblich, sich zum Jahresanfang zu beschenken. Wahrscheinlich ist das ein römischer Kalendenbrauch, der durch deutschen Winters- und Jahresanfangsbrauch noch verstärkt wurde, und zwar handelt es sich hierbei um eine wechselseitige Beschenkung von Erwachsenen. Als der erste Januar so weit eingebürgert war, daß er Terminzeit wurde, rückten naturgemäß allerhand Naturallieferungen auf ihn, die mit der Zeit die Gestalt von milden Gaben, von Geschenken annahmen. Lehensleute und Dienerschaft erhielten gewisse Vergünstigungen, oft nur ein Mahl, oft noch besondere Gaben für dargebrachte Glückwünsche. Das Herkommen regelte deren Wert dann genau.
In dem Kloster Güntersthal bei Freiburg erhielten als Neujahrsgeschenke um 1500 der Visitator ein Paar Handschuhe und sein die Glückwünsche überbringender Knecht 5 Schillinge. Der P. Beichtiger 8, die Frau Schreiberin 4, der Kaplan 3, der Schaffner dort und in Freiburg 4, der Pfründner des Klosters 3, die Kellnerin im Hause und die am Thore 2 Schillinge. Alle Geschenke begleitete ein Häfelein Latwergen und ein Lebkuchen. Solcher Lebkuchen machten die Nonnen z. B. a. 1510 in zwei Tagen hundert große, mittlere und kleine. Der Dorfvogt (Schultheiß) erhielt einen Scheffel Rocken u. s. w. Die Stadtherrn von Freiburg bekamen ebenfalls Lebkuchen.
Im Kloster Blaubeuren gab es reichliche Neujahrsgeschenke für alle, die zum Kloster in Beziehung standen, Beamte, Gesinde, ja selbst die Beamten der Stadt. Geld war die Hauptgabe, aber daneben gab es auch Waidmesser, Sporen, Geldbeutel, sowie Gürtel und Handschuhe für die Weiber. Ein Festmahl schloß sich an die Bescherung, und wer nicht teilnehmen konnte, wurde durch Wein entschädigt. Die umliegenden Ortschaften brachten dem Prälaten Ständchen und wurden mit Wein traktiert.
Selbst regierende Fürsten erhielten Neujahrsgeschenke. 10 fl. in auro oder ähnliches, die Fürstin 5 Goldgulden, wenn sie im Lande war. Die Beamten der Kanzlei bis zu den Thürhütern hinab bekamen ebenfalls ihr Geldgeschenk. Auch Kinder erhielten im sechzehnten Jahrhundert z. B. in Straßburg ein Geldgeschenk für ihren Neujahrsglückwunsch.
In Gundelfingen in Schwaben trugen 1575 am hl. Weihnachtstage die Wirte, die Müller u. s. w. ihre Neujahrsgeschenke zu den Beamten. Ein Vierteljahrhundert später heißt es: „Darnach am 8. Tag nach der Geburt Christi ist der papisten new jar. Das winschen sn eynander, schickhen einander geschenk zum newen Jar, auch geben diß die Väter den Kindern, die Man den frawen zu einem guten eingang des jars. In disen 8 tagen fordert man khein schuldt und becht ein besonder brot."
Auf der Insel Fehmarn gingen noch 1866 am Weihnachts- und Neujahrsmorgen in der Stadt Burg und auf dem Lande Bettelknaben umher und riefen in die Häuser hinein: „West so god und gevt mi en Grötlicht (Grußlicht)." War die Antwort: „Wi gevt keen Grötlicht!" so trollten sie ab; wo nicht, so gibt es ein Almosen, welches offenbar das Licht ersetzen soll.
Das ganze Mittelalter hindurch galt allen, die von der römischen Kurie direkt abhängig waren, der Weihnachtstag für den Jahresanfangstag, und darum wurde er, wie schon gezeigt, auch sehr bald Termintag, nachdem er in Deutschland einmal Boden gewonnen hatte. Auch Könige schickten ihre Neujahrsgaben oft an ihm.
Im Jahre 1254, im achtunddreißigsten seiner Regierung, hielt sich der französische König Heinrich III. am Geburtsfeste des Herrn in Vasconien bei Besancon auf, und übergab dort den Vasconiern wertvolle Geschenke in Gestalt von wertvollen doppelten Kleidern und andern begehrenswerten Dingen. Auch auf deutschem Boden beschenkte man sich am weihnachtlichen Jahresanfang. Die Tendenz der Kirche, ihr Jesusgeburtsfest über die Januarkalenden emporzuheben, trug zur Verbreitung dieser Sitte wesentlich bei. Wo sie nach Meinung der Polizeigewalt allzu üppig ins Kraut schoß, da verbot sie eine weise Behörde. So schon im vierzehnten Jahrhundert in Ravensburg. Das Verbot lautet: „Daß Niemand dem Andern zu Weihnachten weisen sol. Darnach ist gesezt, daß zu Weihnachten von dem heiligen Advent bis zu dem zwölften Tag niemand dem andren weisen soll, als daher gewöhnlich war; es wolle denn ein Mann seinem Lut-Priester oder seinem Ammann ehren, oder ein Vater sein Kind, oder ein Kind seinem Vater, oder ein Geschwister das Ander, und wer fürbaß jemand weiset, ausser wer da benannt ist, der muß geben an die Statt zu Buß III Schilling als dick ers thut."
Um ganz dieselbe Jahresanfangssitte handelt es sich, wenn der Presbyter Alsso um 1400 in dem Bestreben, Weihnachten volkstümlich zu machen; seinem czechischen Freund aus Deutschland berichtet: „Der dritte Brauch ist der, daß die Leute am Abend der Geburt von Jesus sich wechselseitig einen „Christabend“ (largum sero) senden . . . und zwar etwas Angenehmes, Wohlschmeckendes und Süßduftendes. Man hat dabei aber die Sitte, das übersandte Christgeschenk anzunehmen, den Absendern danken, zu lassen, die Ueberbringer zu beschenken und den Absendern durch andre Boten einen anderen ,Christabend’ zu senden.
„Auch an dem dritten Brauche hat der Teufel sein Teil, insofern als manche an diesem Tage den ,Christabend’ nicht im Gedächtnis der Sendung vom Himmel schicken, sondern um das ganze folgende Jahr glücklich zu sein. Denn sie sagen, wer an jenem Tage andere nicht beschenke, werde noch vor Jahresschluß ins Unglück geraten, und umgekehrt prophezeien sie denen, welche an diesem Abend die Gabe abschlagen, aber nicht von Gotteswegen: du wirst dieses Jahr ins Unglück kommen, weil du an diesem Abend nichts verschenkst. Aber noch mehr behaupten sie, daß wer an jenem Tage gezwungen etwas thue, im ganzen folgenden Jahre unglücklich sein werde. Sie wollen auch an diesem Feste nicht an ihre Schulden gemahnt werden, um nicht unglücklich zu werden, indem sie in der Mahnung und in der Bezahlung ihrer Schulden einen gewissen Zwang sehen" . . . Johannes von Holleschau nennt in seiner Bearbeitung von Alssos Abhandlung dann, wie bemerkt, sogar die Formel des Christboten. Sie sagen z. B. „Petrus und Johannes Dlapka senden Euch einen „heiligen Abend“. Die christliche Ethik machte sich diesen Zug zu nutze und wandte ihn auf ihr Almosengeben an. Alsso berichtet auch darüber wie über eine ausgemachte Thatsache: „Der zweite Brauch besteht darin, daß die Geburtsnacht von Jesus von der ganzen Welt die reichste genannt wird . . . und zwar largum sero, freigebiger Abend (czechisch stêdry vecer) darum sind auch die gläubigen Christen an diesem Abend freigebiger als sonst zu Ehren und zum Gedächtnis jener Freigebigkeit vom Himmel. Ja kein Familienvater ist so arm, daß er nicht an diesem Abende den Seinen freigebig eine Spende gäbe. Wenn er nicht mehr erschwingen kann, so macht er wenigstens ein großes Licht in seiner 8wda. . . . Ehrbare Greise öffneten an diesem Abend frei- gebig ihre Häuser bis zum Dache, damit jeder Bedürftige ein- träte und sich erquicke. ... Ja die Alten bewiesen die Freigebig- keit in dieser Nacht nicht nur den Menschen, sondern auch den Tieren, indem sie ihnen an diesem Abend mehr Futter gaben als Stuba. . . . Ebenso pflegten die Alten in dieser Nacht ihre Taschen offen zu halten, damit, wohin sie auch gingen, das Geld ihnen besser zur Hand sei, um es den Armen zu geben. Außerdem legten sie Geld auf den Tisch unter ihr Frühstück nicht aus Hochmut, sondern damit, wenn ein Armer käme, sie es bequem mit dem Geben hätten. Ebenso stellten sie auf dem Tische Kleinodien aus, nicht aus Stolz, sondern zu dem Zwecke, daß sie sich beim Anblick an jene Freigebigkeit erinnern möchten, mit der der Vater sein geliebtestes und wertvollstes Kleinod, seinen Sohn, gab. . . .
„Leider ahmt jedoch der Teufel jenen Brauch nach, denn manche stellen ihre Kostbarkeiten aus, um ihren Reichtum zu zeigen, sie halten die Hand in die Tasche, nicht damit die Armen Geld erhalten können, sondern um in dem Gelde zu wühlen, damit dadurch für das ganze folgende Jahr ihr Geld sich mehre. Sie legen das Geld auf den Tisch, nicht um es den Armen auszuteilen, sondern um mit ihm Glück zu haben; sie öffnen ihre Börsen an diesem Tage nicht für die Armen, sondern damit das Glück in sie einziehe. . . "
Auch das fünfzehnte Jahrhundert kennt Verbote der Neujahr-Weihnachtsgaben. In Konstanz kam anno 1460 ein Verbot heraus: „wer ein Kind hept, der sol jm nit immer instricken ane Gefärde denn 1 bd und soll im och ze Wihenächten weder Bimenzelten, Brot, Käß, Hämpli noch sust nit anders senden an Gevärd." Auch die christliche Auslegung des immer mehr ausschließlich nach Weihnachten rückenden Brauches blieb nicht aus. Hatte schon Alsso sich darin mit Erfolg versucht, so half die Folgezeit mit einer weiteren Analogie nach.
In Franz Wessels Schilderung des katholischen Gottesdienstes zu Stralsund bis 1523 ist uns eine Beschreibung erhalten, wie die Bauern am Christabend bis zum Sternenaufgang fasteten. Bei der Geburt eines Kindes schenkte man den Geschwistern Zuckerwerk, das man Kindsfuß (kindsvôt) hieß. So dachte man sich auch Jesus allen Wesen etwas zur Nahrung bei seiner Geburt mitbringen: sô drôgen sê garwen in de koppele efte sus en de lucht, dat se de wint snê rip efte sus de lucht bischinen konnte, dat hêtede men des morgens kindesvôt, dat dêlde men des morgens allem ût, slôch êne garwe 2 efte 3 ût unt gaf den swinen koien enten gensen dat se alle des kindesvôtes genêten scholden.
Die Straßburger Stelle von 1568 ist der älteste Beleg für eine Kinderbeschenkung, die vor dem sechzehnten Jahrhundert überhaupt nicht vorkommt. Bis zum sechzehnten Jahrhundert gibt es noch keine Weihnachtsbescherung. Erwachsene senden sich wechselseitig Neujahrsweihnachtsgaben. Lehensleute erhalten bei Gelegenheit der Bezahlung ihrer Abgaben ein Mahl, Dienstboten erhalten in einer Gabe thatsächlich ein Stück Lohn. In Sachsen wurden 1661 diese Christgeschenke ebenfalls verboten oder doch sehr eingeschränkt. Die sächsische „Policey-Ordnung" von diesem Jahre gebietet nämlich Titulo 17: „Ferner aber denen Pathen, im Geringsten kein Heiliger Christ, Neu-Jahr, Grün-Donnerstag, oder wie es sonsten Nahmen haben mag, an Kleidung, Gelde, Geschmeide, oder andern Sachen, nichts gegeben werden." Tit. 23, Kap. 1, § 6 heißt es dann weiter: „Darunter denn billig zu ziehen, daß an etlichen Orten denen Knechten und Mägden Jahrmärckte, Christ- und Neu-Jahrs-Geschenke, oder andere Verehrungen über gesatzten Lohn, so bis weilen eben so hoch kommet, bishero zur Ungebühr mit eingedinget, und fast abgezwungen worden. Wie wir nun solches und andres, wordurch sonsten unserer hierbey habenden Intension zuwider geschehen könte, gleicher Gestalt gäntzlich aufheben: Also soll Herr, Frau, Knechte, oder Mägde, so dergleichen Begünstigungen unter einander verüben, mit der Helffte der vorgesetzten Straffe, als 5. Thaler, von Gerichten beleget, und dem Dienstbothen sein ordentliches halbes Lohn neben dem Geschencke weggenommen werden; Jedoch, wofern ein, oder ander Herr, oder Frau einem Dienst-Bothen, so ihn oder ihr vor andern lang und treulich gedienet, aus freyem Willen, ein leidliches zum H. Christ und zu Veranlassung fernerer fleißigen Dienste verehren wolte, solches bleibet ihnen ungewehret, die Neuen-Jahr-Geschencke und Jahrmärckte aber wollen wir disfalls gäntzlichen abgestellet wissen." Am 16. Juli 1735 erschien dann für Sachsen eine „neue Gesindeordnung". In derselben heißt es: „Dagegen soll es aber auch bey dem vorhin schon geschehenen Verboth, daß keinerley Gesinde der Herrschaft etwas, wie insonderheit darüber von dem Meißnischen Creysse geklaget worden, an Leinewand und so genannten Seyfen-Gelde, oder zum Messen, Jahr-Märckten oder Neu-Iahr-Geschencke, bei 5 Thaler Strafe und Verlust der Helffte des ordentlichen Lohns und erhaltenen Geschencks, abfordern und mit eindingen sollen, nochmahln bewenden, Gestalt auch die sogenannten Heil. Christ-Geschencke, ob wir selbige gleich zur Zeit noch zu dulden gemeynet, bey der Mieth- und Vermiethung keinesweges mit eingedungen werden dürffen, sondern es vielmehr in jeder Herrschafft Willkühr, ob sie zur Wenhnacht-Zeit ihrem Gesinde etwas geben will, oder nicht, beruhen, sich auch dergleichen Geschencke allerhöchstens nicht über 1 Rthlr. 8 gr. biß 2 Rthlr. belauffen, der Herrschafft aber doch dabey unverwehret seyn soll, demjenigen Gesinde, das sie gehorsam, fleißig und treu, und sonst einer besonderen Belohnung würdig erfinden, an Kleidung, Wäsche, Geräthe und dergleichen, auch wohl an Gelde, zu beliebigen Zeiten was zuzuwerffen, auch wenn es abziehet, zu einer Profession schreitet, oder Beförderung erlanget, ihme aus freyen Willen und Bewegniß zur Beyhülffe etwas zu schencken."
In Rottenburg in Schwaben bestand ein hohenbergisches Verbot der Christgeschenke, bis zum Uebergang an Württemberg. Erst indem im sechzehnten Jahrhundert die nach Weihnachten verschobenen und dort weihnachtlich umgebildeten Martins- und Nikolausumzüge in die Feier des Weihnachtsfestes einmünden, entsteht die weihnachtliche Kinderbeschenkung, welche seit dem Eingreifen des Protestantismus in den Jahresbrauch den eigentlichen Kern der volkstümlichen Weihnachtsfeier auszumachen beginnt.
Die kirchliche Reformation des sechzehnten Jahrhunderts verwies die Heiligengestalten aus dem amtlich anerkannten Kirchenglauben wieder in den Volksglauben zurück. Der Heiligenglaube wurde geradezu das Kennzeichen der römischen Kirche. Die pro testantische Priesterschaft mußte also alles bekämpfen, was wie Heiligenumzüge aussah. Die Beschenkung der Kinder mochte man nicht streichen, so strich man aus ihr nur die vermummten Gestalten und gab den Kindern die Gaben selbst in einer neuen Form. So entstand die Bescherung in unsrem Sinn. Im sechzehnten Jahrhundert ist darunter aber nicht ein Aufbau von Geschenken auf dem Tische bei festlicher Beleuchtung zu verstehen, sondern die Bescherung hat eine Form, welche noch deutlich ihren Ursprung verrät. Die Geschenke werden in ein Bündel zusammengebunden, und der Zweig, den der heilige Martin oder heilige Nikolaus führte, wird dazu gefügt. So entsteht die „Christbürden" des sechzehnten Jahrhunderts mit der „Christrutte". Ganz im pädagogischen Sinne der Zeit faßt man diese nicht mehr als Segenszweig, sondern sie verliert auf dem weiten Gebiet des protestantischen Nordens ihre Gestalt als Martinsbäumchen und Nikolausbäumchen und wird zur wirklichen Schlagrute, zu etwas „das da zu Lehre und Disziplin gehöret". Damit hat ein alter indogermanischer Glaube sein Grab gefunden, wenigstens in einem seiner Zweige. Nicht das Dogma des Christentums hat ihn vernichtet, sondern die fortschreitende Bildung der Zeit, welche den vorhandenen Volksbrauch entschlossen und unbefangen für ihre Zwecke in Dienst nimmt und die Verkörperung des Glaubens, den Zweig, zum Träger einer neuen Idee macht. Man gibt den Kindern das Geschenkbündel und sagt ihnen, eine der Gestalten des neuentstandenen Weihnachtsumzuges habe es gebracht, meist der „heilige Christ" selbst, der ja in dieser Zeit in den Umzug eintritt und die Hauptrolle übernimmt. Seine Einführung und die dadurch erfolgende Verdrängung der Heiligen und seine Ausscheidung, weil es Sünde sei ihn darzustellen, sind beide das Werk des Protestantismus im sechzehnten Jahrhundert. Natürlich sind, wie schon gezeigt wurde, die Umzüge selbst keineswegs leicht und rasch zu vernichten gewesen. Aber lokal gelang es doch, und da seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts protestantische Pfarrer in ihren volkstümlichen Büchern die neue Form der Beschenkung als die bessere, von der Kirche befürwortete darstellen und nicht selten auch in ihren Schilderungen einen innigen, kindlichen Ton anschlagen, so breitete sie sich auch aus. Mit der Zurückdrängung der Umzüge, die noch im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert vielfach den Hauptpunkt der volksmäßigen Weihnachtsfeier darstellen, wird zugleich die volksmäßige Religiosität im Kirchensinne aus dem Feste hinausgedrängt, und dafür beginnt die Epoche des wirklichen engbegrenzten Familienfestes aufzudämmern, das jedes Haus für sich im eigenen Schoße feiert und das später durch den Weihnachtsbaum eine Art ideellen Mittelpunkt erhält.
Der in dem Kapitel von den blühenden Bäumen der Weihnacht ausführlicher behandelte Brauch von dem Zweigschlagen am Unschuldigenkindertage und später zu Weihnachten ist auch mit einer Weihnachtsbeschenkung verknüpft. Die Kinder schlagen die Eltern oder sonstige Verwandte und Bekannte mit einem (ehemals blühenden) Zweige, (später mit einem Surrogat) und erhalten dafür Geschenke. Die Beschenkung ist hier also direkt begründet. Auch sie haftet an einer Rute, welche hier aber die Kinder führen.
Die Rute, die man den Kindern zu Weihnachten schenkte, und die ihnen ehedem Ruprecht oder Nikolaus brachte, war zum Teil dieselbe, mit der sie Verwandte und Freunde schlugen. Der leipziger Magister Eberhard, der den Sinn des letzteren Brauches nicht mehr verstand, berichtet darüber, daß es um 1800 üblich war, „den Kindern unter anderen Geschenken mehrentheils auch eine Ruthe mitzubescheren". Und man nahm an, daß „solche etwan auf Anleiten der Aeltern wären besorgt worden, sodann an Freunde zu bringen, um sich dadurch desto größere und mehrere Geschenke, namentlich von Pathen zu verschaffen".
Im Jahre 1572 erschien bei Schwertel in Wittenberg ein Band Predigten, die Thomas Vinita (Winzer), Pfarrer in Wolkenstein in Sachsen, Weihnachten 1571 gehalten hatte. Darin heißt es: „Es pflegen frumme und freundliche Eltern mit iren Kinderlein, umb diese Zeit, gar mancherlei gesprech zu halten, vom heiligen Christ, und seinem Bündlein oder Bescherungen etc. Als: Der heilige Christ werde nichts bescheren, denn sie sein nicht frum, und lernen jren Catechismum und gebeth nicht etc. Solcherlei feine und freundtliche reden gehen offte weit vorher, wenn sich aber die Kinderlein (wie gewöhnlich) willig und mit freuden, in dem allen zum gehorsamsten und willigsten nach Kindlichem armen vermögen darstellen, denn wird jnen der heilige Christ, von tage zu tage mit seinen gaben, wie reich, wie freundlich, wie gewis er kommen und bescheren werde, lieblicher herausgestrichen, von denen kindern, so solcher kindischen Freude erwachsen." Nachdem Vinita dies ins Dogmatische gedeutet, fährt er fort: „Da mügen wir wol mit allem fleisse dieses bescherte Bündlein des heiligen Christs mit St. Paulo auffbinden Röm. 8. Denn wie solle uns Gott nicht mit diesem bescherten lieben Jesulein auch alles mit beschert haben? Die Kinderlein finden in ihren Bündlein gemeiniglich fünfferley Dinge. Erstlich güldige als Gelt, viel oder wenig, nachdem der Haus-Christ vermag und reich ist, doch lassen sich auch die armen Kinderlein an einem Pfenninge oder Heller in Apffel gesteckt, genügen und sind guter Dinge darüber. Darnach finden sich auch geniesliche Dinge, als Christstollen, Zucker, Pfefferkuchen und aus diesen allen mancherley Confect und Bilde. Daneben Epfel, Birnen, Nuß und gar mancherley gattunge allerley bestes. Zum dritten finden sie ergetzliche und zu frewden gehörige Dinge als Puppen, und mancherley Kinderwerk. Zum vierden finden sie nötige, und zur bekleidung und zier des lebens dienstliche Dinge, gar mancherley und hübsche Kleiderlein, von gutem gezev und seiden, gold und silber, und reinlicher arbeit gefertiget. Zum letzen finden sie auch, was zu lere, gehorsam, zucht und Disciplin gehöret, als Abctefflin, Bibeln und schöne Bücherlein, Schreib- und Federgezeuge, Papier etc. und die angebundene Christrutte."
Ungefähr aus der gleichen Zeit haben wir eine ähnliche Schilderung von dem Pfarrer Strigenitz, dem die volkstümliche Weihnacht seiner Zeit sehr am Herzen gelegen haben muß. Er hat eine eigene Predigt über die Christbürden gehalten und auch drucken lassen. „Das fünffte und letzte Stück, welches unsere Kinderlein in ihrer Christbürden finden, wenn sie dieselbige auffmachen, betrifft die Scholasticalia oder Schul Sachen. Was sind das für Dinge? Es sind solche Sachen, die in die Haus und Stadt-Schule gehören zur Lehre und Unterweisung, zur Zucht und Disciplin, und damit die Schul-Knaben und Schul-Mägdlein pflegen umbzugehen, dieselben sind fürnehmlich dreyerley. Denn da bescheret ihnen der Haus-Christ unter anderen ABC-Täfelein, Catechismus, Gebetbüchlein, Evangelien Büchlein, Gesangbüchlein, oder sonsten andere gute Büchlein, die fein reiniglich und schön gebunden, auffm Schnid und sonsten verguldet sind. Item allerley schöne gemahlete Carnier oder Hand Körblein, darein sie ihre Bücherlein, und ihr Morgenbrod fassen können, wenn sie wollen in die Schule gehen: Item allerley schöne Schreibzeuge, Pennal oder Dintefaß, Papier und Federn und dergleichen. Ja was meynt der Haus-Christ damit, daß er solche Dinge und Sachen den kleinen Kindern bescheret, die noch zart und jung, und unverständig sind? O es hat alles seine gute Deutung und Erinnerung beydes für die Eltern, und auch dann für die Kinder u. s. w." Dann heißt es weiter: „Vber diß Stück, so zu den Scholasticalibus gehören, findet sich noch eins, mit welchem die Kinderlein nicht allzumahl zufrieden seyn, und das sie lieber entberen wolten. Was ist das? Es ist die Christ-ruthe. Denn wenn der Haus-Christ gnung hat eingefasset, und die Bürde jetz- und zubinden wil, so beschleust er endlich mit angehengter Christ-Ruten, die muß auch dabey seyn und nicht aussen bleiben."
Die Christhürden hat sich noch lange erhalten. In drei Christkindliedern, die 1830 noch in Schlesien lebendig waren, spricht das Christkind noch von „einer großen Bürde", die es bringen wird, wenn die Kinder fleißig beten und singen. In einigen niederschlesischen Gegenden erscheint mit dem Christkinde der Ruprecht, in ostschlesischen (deutschen) Joseph aus dem Jesusgeburtspiele. Das Christkind trug die Rute selbst, und im zweiten Liede heißt es von den Kindern:

Wenn sie aber nicht fleißig werden beten und singen,
So wird ihnen die Rute auf dem Rücken rumspringen.

Das Christkind hat, wie sonst Nikolaus, an dessen Stelle es getreten ist, einen Wagen;

Wir haben draußen stehn ein schönen Wagen,
Der ist mit lauter Gold und Silber beschlagen.

In den armen Gegenden des sächsischen Erzgebirges waren um 1860 die typischen Weihnachtsgeschenke ein Schreibheft und einige Aepfel.
Für die Geschenke fürstlicher Kinderbescherungen war schon damals nicht mehr Platz in dem engen Raum einer zusammengebundenen Christbürde. Im Jahre 1572 bestellte der Kurfürst August von Sachsen für seine Kinder, den zwölfjährigen Kurprinzen Christian und die kurfürstlichen Fräuleins, die zehnjährige Dorothea und die fünfjährige Anna, in Leipzig verschiedene Spielwaren, die zum Teil erst eigens zu diesem Zwecke angefertigt wurden. Die noch vorhandenen Rechnungen enthalten eine genaue Beschreibung derselben. Für den Prinzen hatte der jagdliebende Vater eine Jagd bestellt, die aus fünfundsiebzig Stücken bestand, Pferden, Reitern, Jägern, Hirschen, Sauen, Füchsen, Hunden, Schlitten. Der Holzschnitzer erhielt für jedes nicht weniger als 12 Groschen. Dazu kam noch die Bemalung und sämtlicher Ausputz. Für den Weihnachtstisch der jungen Herzoginnen war eine vollständige Ausstattung einer Puppenküche und Puppenstube bestimmt, zinnerne, messingene und kupferne Kochgeräte, Tischtücher, Körbe, Schränke, Stühle „und was zum Hausrad gehortt", alles in einer Vollständigkeit und Ausstattung, die uns den gediegenen Luxus, der in Deutschland vor dem dreißigjährigen Kriege herrschte, recht deutlich vor die Augen führt. Beispielsweise wird genannt: 36 Löffel, 71 Schüsseln, 106 Teller, 40 Bratenteller, Hackemesser, Bratspieße, Brotfeilen, Mörser, Durchschläge, Barbierbecken, zwei kleine Schreibzeuge, Spiegel, Nachtkissen von schwerem Sammet und goldenen und mit silbernen Posamenten belegt. Auch Hampelmänner waren da, „9 gepapte Docken, die man mith schnürlein zeuchtt (Preis 1 fl. 10 gr. 6 ), endlich 2 Ruten, diese zu 6 berechnet." Nachdem nun Holzschneider, Tischler, Schlosser, Riemer, Glaser, Buchbinder, Schneider und Maler ihre Arbeit gethan hatten, geleiteten der Sohn des Leipziger Bürgermeisters Hieronymus Rauscher und der Tischler die Bescherung auf einem zweispännigen Mietwagen nach Torgau an den Hof und verzehrten in den 6 Tagen ihrer Reise 10 fl. 11 gr. Am Christtage ließ dann die Kurfürstin Anna dem Bürgermeister Rauscher die unversehrte Ankunft der Spielsachen und ihren Dank für den wohlausgerichteten Auftrag vermelden.
Um die Nikolausbeschenkung um so sicherer nach Weihnachten zu ziehen, veranstaltete die Priesterschaft kirchliche Bescherungen, bei denen die Eltern die Geschenke für ihre Kinder mitzubringen hatten.
Aus dem Jahre 1584 haben wir unter der Ueberschrift „Heilige Christ-Bescherung" eine Schilderung einer solchen. „Die kleinen Söhne und Töchter der Christen erwarten gewöhnlich mit großer Sehnsucht, meist im Abendgottesdienst am Jesusgeburtsfest, die Geschenke des Christ, von dem man hier glaubt, er komme mit einem schwer bepackten Wagen durch Dächer und Fenster hinein dem Donner gleich, dort, er ziehe mit einem Engelgefolge durch die einzelnen Häuser. Wenn er dort findet, daß die Kinder artig sind und die christlichen Gebete können, so teilt er ihnen verschiedentliche Geschenke aus: Klappern, Kästchen, Kleider, Störche, Schäfchen, Pferdchen, Wägelchen, Aepfel, Birnen, Nüsse, Honigkuchen, und andres derartiges Spielzeug. Und dies zwar darum, damit die Kinder sich um so mehr nach der Ankunft des Christ sehnen und ihn erharren. Sodann aber auch, damit sie sich mit ganzem Herzen darauf vorbereiten, dem Christ zu antworten, wenn er ankommt. Meist wird den Christgeschenken noch eine Rute beigefügt, damit die Kinder sich aus Furcht vor Prügeln um so leichter im Zaum halten und leiten lassen, und damit sie lernen, daß dem Guten sich immer etwas Schlimmes beimische." Diese einfache Schilderung wurde mehrfach ausgeschrieben. So erscheint sie hundert Jahre später in dem norddeutschen Helmstädt wieder, aber etwas gekürzt und für die Zeit sehr charakteristisch umgebildet. Das donnergleiche Erscheinen des heiligen Christ ist weggeblieben, und die Geschenke werden nur noch in seinem Namen gegeben. Der Weihnachtsumzug ist noch stärker in den Hintergrund getreten. Der Bericht ist von 1701: „Endlich schenken die Eltern in unsern Kirchen am Weihnachtsabend ihren Kindern verschiedentliche Geschenke, Klappern, Kästchen, Kleider, Wägelchen, Aepfel, Nüsse und so weiter, denen meist eine Rute beigegeben wird, damit sie sich aus Furcht vor den Prügeln leichter im Zaume halten lassen. Diese Geschenke werden im Namen des heiligen Christ gegeben, von dem man glaubt, er komme durchs Dach oder die Fenster herein oder gehe mit den Engeln in die Häuser."
Kirchliche Christbescherungen sind uns seit dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts mehrfach bezeugt. Die Memorabilia quaedam Argentorati observata berichten darüber aus dem Jahre 1605:
Auf Weihenachten gibt man den kindern (ein woche zuvor) einen spruch einem itylichen, welchen sie 1. die knaben vff Christag 2. die Megtlein aber auff New Jahrstag beten müssen, werden darnach einem ieden 1. 2. 3. 4, od. auch büchlein verehret.
Die Straßburger Neujahrsbescherung ist auch 1605 noch erhalten, wenn daneben auch noch eine Weihnachtsbescherung steht.
Die Art der Bescherung, wie sie Vinita erzählt, erhielt sich noch längere Zeit. Noch 1663 schildert sie der Magister Prätorius in Leipzig ganz in derselben Weise, und zwar in seinen „Saturnalia, das ist Eine Compagnie Weihnachts-Fratzen Oder Centner-Lügen und possierliche 'Positiones", wenn er für seine Beschreibung auch großenteils das Citat aus Strigenitz verwendet, das ihm aus zweiter Quelle zugegangen ist. „Zum Heil. Christ werden den Kindern Büchlein bescheret, daß sie damit spielen, oder sie zerreissen sollen. So und anders nicht, meinet das junge, unmündige Volck. . . ." Damit ist er freilich nicht einverstanden. Auch die pädagogische Bedeutung des Rutenschenkens will ihm gar nicht einleuchten. Ironisch gibt er als Grund für den Brauch an: „Der H. Christ bescheret dessentwegen denen Kindern so schöne güldene Ruthen, daß sie sich entweder unter einander damit peitschen und schlagen sollen: oder damit sie desto mehr Spielzeug dranne haben." -
Wenn auch örtlich die Gestalten der Weihnachtsumzüge nicht mehr erschienen, so galten doch die Gaben als von ihnen, namentlich von dem heiligen Christ gebracht. Die Kinder wurden daher schon lange im voraus zum Artigsein ermahnt, damit er ihnen auch etwas bringen könne, und mußten ein „gemeines Kinder Sprüchlein" lernen, „so die Muhmen denen muthwilligen Gästen vorschwatzten; nemblich:

Das Jesulein bin ich genand,
bey denen frommen Kindernlein wohl bekand,
die ihren Eltern gehorsam seyn,
und ihren Catechismum lernen fein:
die Früh auffstehn und beten gern,
denen will ich alles guts bescher(e)n;
was aber solche Holtz Böcke seyn,
die schmeissen Schwester und Brüderlein,
die schlept der Todt in die Hölle hinein.
darumb seyd fromm ihr Kinderlein,
daß ihr nicht kompt in solche Pein!"

Diese Vorbereitung schätzte man gar hoch. Ueber sie sagt D. Schubart in seinem „Weg der Vollkommenheit": „Daß Eltern ihre Kinder sich auf das Christ-Fest gebührender Massen schicken und bereiten, schöne biblische Sprüche, Seufftzer und Gebät lernen, und den heiligen Abend andächtig bäten lassen, sie darauf zur Erinnerung der Wolthaten Christi und hertzlichem Jesus-Friede mit Geschenck und Gaben bedencken, ist Christlöblich und billich." Noch im neuen Jahrhundert dachte man so: „Es ist gut, daß die Kinder andächtige Gebet und Sprüche lernen, zusammen auf einen Winckel kriechen, und selbige beten, daß es der H. Christ hören soll. Es ist Christlich, daß man ihnen Bescherungen darreicht, und ihnen beybringt, dieses alles komme von dem lieben Christkindlein her, das uns viel herrlichere Schätze im Himmel werde aufthun, die niemand aussprechen kan. Es ist auch nicht verwerflich, daß man erwachsenen Leuten, Gesinde, Kirch und Schuldienern, seine milde Hand aufthue, und ihrer gedencke, und von dem leiblichen Segen mittheile, den uns Gott bescheret."
Auch im katholischen Süden machte die Weihnachtsbescherung Fortschritte. In Nürnberg brachte man am Ende des siebzehnten Jahrhunderts die Nikolaus- und Weihnachtsbescherung in Verbindung und machte jene von dieser abhängig. Der Nürnberger Chronist Wagenseil berichtet darüber: „Die Kinder waren überzeugt, das Christkind habe zum Forttragen der Waren, die es (auf dem Weihnachtsmarkt) einkaufe, den heiligen Nikolaus zum Trabanten und dieser erhalte immer von den Verkäufern etwas Süßes als Zugabe und dies werde, als gutes Vorzeichen und gleichsam zum Vorschmack, wenn das Weihnachtsfest herannaht, während des Schlafes heimlich unter das Kopfkissen gelegt und gelte für Geschenk des Heiligen Nikolaus." Wagenseil leitet diesen Brauch wie die Zimmernsche Chronik irrtümlicherweise davon ab, daß Nikolaus bei Lebzeiten einst drei Schwestern ausgestattet habe. Die Weihnachtsbescherung aber ging folgendermaßen von statten: „In der Christnacht füllen die Eltern der kleinen Kinder die großen Schüsseln, welche jene für den Abend furchtsam, zitternd aber doch auch wieder fröhlich leer auf die Tische gestellt haben, voll verschiedenartige Geschenke, und über diese freuen sich die Kinder, wenn der Tag graut, so daß sie vor Freude fast außer sich sind, gleich als ob das Christkind die Geschenke hätte vom Himmel regnen lassen, oder als ob es sie in die Schüsseln herunter geworfen hätte. Fast das ganze Jahr hindurch aber, und zumeist in den Monaten vor dem Feste, werden sie mit der Hoffnung hingehalten, jene würden ihnen herrliche Belohnungen bringen, wenn sie fromm und in allen Sachen folgsam seien und sich beim Lernen fleißig zeigten, und darum nehmen sich keine Kinder sonst so sehr zusammen wie die Nürnberger, und wenn das Fest der Theophanie im Fleische naht, dann zählen sie an den Fingergliedern leidenschaftlich nicht bloß die Tage, sondern fast die einzelnen Augenblicke und werden mit Erwartung und Sehnsucht gar nicht fertig. Es ist sogar Sitte geworden, nicht nur die kleinen Kinder, denen man noch was weiß machen kann, sondern auch die älteren Kinder und die ge- samten Dienstboten an jenem Tage zu beschenken. Dieser Zug ist ganz herrlich, dadurch, daß er die gesamte Familie einschließt. Denn so viel ein jeder verdient hat, so beschenkt geht er auch ab, und so sehr machen sich Väter und Mütter der Häuser durch wechselseitiges Schenken eine Freude. Und man kann sagen, daß dabei in Nürnberg alle Leute wieder ein Stück jünger werden. Sicher aber ist, daß Knaben und Mädchen mit lauter Stimme und heftiger Gebärde

Dröhnenden Beifall spenden, gefolgt von Tyrus und Troja."

An die Stelle nützlichen Spielzeugs und ähnlicher Dinge als Geschenke traten mit der zunehmenden Spielwarenindustrie in reicheren Häusern bald allerhand Luxusgegenstände. Der praktische Verstand wehrte sich gegen diese Weiterentwickelung. Ein Herr von Rohr sagt in seiner „Haushaltungs-Bibliothec" zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts: „So wäre gut, wenn andere Privatleute gleichfalls ihre Kinder, und sonderlich die von Adel, oder die sonst von guten Vermögen sind, von Jugend auf zu der Oeconomie anführten. In ihren Kinder-Jahren anstatt der andern Spielwercke, die offt pretieuß sind, und keinen Nutzen schaffen, sollen sie ihnen allerhand Modelle von unterschiedenen Gebäuden, Scheunen, Ställen, Brauhäusern, Maltzhäusern u. s. w. verfertigen lassen, die Instrumenta, und Werckzeuge, die man bey dem Acker-Bau, bey der Gärtnerey, Fischerey, Vogelfangen u. f. w. braucht, alles nach dem verjüngten Maßstabe, da sie denn von Kindes-Beinen an von einem, der sich die Gedult gäbe, mit ihnen gleichsam zu spielen, zur Oeconimie geleitet werden könten. Es würden die Kinder von solchen Oeconomischen Spielen, als welche ohnedem dasjenige gerne nachzuthun pflegen, was sie von großen sehen, eben das Plasier haben, als von ihren andern, die ihnen, wo nicht schädlich, doch gewiß auch nicht nützlich sind, und könten doch wenigstens etwas darbey profitiren."
Am 16. Februar 1737 habilitierte sich zu Wittenberg ein junger Jurist als Privatdocent, Namens Carolus Gottfried Kißlingius aus Zittau. Als Habilitationsschrift – Primitiae academicae - hatte er eine schwergelehrte lateinische Abhandlung verfaßt: De muneribus, quae propter diem natalem Servatoris nostri dari solent, und ihr den Untertitel gegeben: „Von heil. Christ-Geschencken." Er betrachtet die Weihnachtsgaben von den verschiedensten Seiten, nach ihrer mutmaßlichen Entstehung, ihrer religiösen Bedeutung und dem Mummenschanz, der mit ihnen getrieben wird, und schließlich - und darin ist der Schwerpunkt der Abhandlung zu suchen - nach ihrer Geltung als rechtliche Einrichtung, und zwar nicht oberflächlich und rhetorisch vornehm aus der Vogelschau, sondern gestützt auf eine breite empirische Grundlage. Namentlich die von dem Gesinde beim Mieten ausbedungenen Geschenke, den landesüblichen Maskenunfug und die Thätigkeit des Ausschusses, der diesen veranstaltet, des „Heiligen Christrates", bekämpft er nachdrücklich und zieht ein ganzes Gewitter von Strafverfügungen heran, die meistens aus der Werkstätte des löblichen Magistrates seiner Heimatstadt Zittau stammen. Auch über die Weihnachtsbescherung erfahren wir von ihm manches. Am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wurden in Zittau zu Weihnachten Erwachsene und Kinder in reichlichem Maße beschenkt, und zwar keineswegs mehr nur von den umherziehenden vermummten Gestalten, sondern ebenso von ihren Familienangehörigen, von Paten und Freunden. Schon lange, ehe das Fest heranrückte, machte man den Kindern Hoffnung auf die Geschenke, ermahnte sie zum Fleiße und zum Gehorsam, wenn sie die Gaben nicht verscherzen wollten. Der „Heilige Christ" galt dabei im Kindesglauben allgemein als Geber, und der Volkswitz legte den Kleinen die Frage vor, woher denn der heilige Christ alle die Geschenke nehme, und der Spott behauptete: „Der heilige Christ ist arm," „der heilige Christ hat es dem Schneider gestohlen."
Am heiligen Abend, wenn es dunkel geworden ist, begann in den Häusern die Bescherung, über deren allgemein übliche Form Kißling sich leider nicht ausläßt. Aber eins ist sicher nach seiner Schilderung. Die Bescherung ist in ein ganz neues Stadium eingetreten. Man bindet die Geschenke nicht mehr in Bündel, füllt sie auch nicht mehr über Nacht in Schüsseln, sondern legt sie auf Tischen in der Stube aus, und erst dadurch entsteht eine wirkliche Bescherung. Erst dadurch tritt der Umzug ganz zurück und die Beschenkung nimmt den Charakter einer festlichen Ausstellung im Lichterglanz an, indem sie sich mit einem kirchlichen Brauche, dem Lichtanzünden zu Weihnacht, vereinigte. In der alten Kirche soll der Weihnachtstag dies luminarium, der Tag des Lichts geheißen haben. „Daher auch noch jetzt (1799) der Gebrauch kommt, Lichter zur Freude zu brennen, Wachsstöcke zu schenken, die man sich wechselseitig, auch besonders in den Saturnalien verehrte." Nach dem Berichte des Presbyters Alsso hatte jeder, der Weihnachten nicht anders feiern konnte, um 1400 wenigstens ein großes Licht in seiner Stuba. Vielleicht ist hier auch ein Rest der Erneuerung des Herdfeuers am Jahresanfang eingemündet. In der Klosterschule zu Jlefeld war 1757 das Lichteranzünden zu Weihnachten wohl bekannt. Auch später findet es sich. Am Weihnachtsabend wurde 1866 in vielen Gegenden des nordfriesischen Festlandes ein dreiarmiges Licht angezündet; ebenso in Angeln eigens zu diesem Zwecke gestippte dreiarmige Talglichter. In Dänemark wurde früher das Heil. Dreikönigslicht (auch Jullicht) gleichfalls am Weihnachtsabend angezündet. Hier und da wurde sogar den Haustieren ein Licht vor die Krippe gesetzt.
In Warlow bei Ludwigslust sah man noch 1880 in vielen Häusern am Sylvesterabend einen schön geputzten Leuchter mit brennendem Licht darauf, das an diesem Abend von keinem vom Tisch abgenommen werden durfte; auch auf der Hausdiele brannte um diese Zeit den ganzen Abend eine Lampe. Vielleicht kommt hier noch eine andre Anschauung in Betracht. Im „Baumkultus der Germanen" hat Wilhelm Mannhardt eine große Zahl von Stellen gesammelt, an denen Opfer bei Lichterschein gebracht werden. Seit der Zeit, wo dies geschah, scheint eine nahe Beziehung zwischen Licht und Geschenk bestanden zu haben; ja, im mittelalterlichen Sprachgebrauch scheinen Licht und Kerze einerseits und Gabe andrerseits gleich bedeutend gewesen zu sein. Als Herzog Ludwig von Bayern Walther von der Vogelweide durch den Markgrafen Dietrich IV. von Meißen ein Geschenk über- bringen ließ, da sang der Dichter:

„Mir hat ein Licht von Franken,
Der stolze Meißner mitgebracht,
Das giebt mir Ludwig eigen.
Ich kann es ihm nicht danken,
So schön als er mich hat bedacht:
Ich muß mich tief ihm neigen."

Und als derselbe Sänger von König Friedrich III. aus Italien eine Gabe erhielt, wo dieser sich eben die römische Kaiserkrone holte, da dichtete er zum Preise seines Herrn ein Lied, in dem es heißt:

„Eine Kerze habt ihr gnädiglich mir zugesendet,
Deren Licht die Brau'n versengt hat allen, die sie sahen."

Noch in Goethes Tagen gehörten Licht und Geschenk eng zusammen. Als er Kestner Kleiderstoff für dessen kleine Schwäger sendet, schreibt er ihm: „Stellt ihnen ein Wachsstöckgen dazu und küsst sie von mir." 1799 schenkte man sich in Leipzig gegenseitig Wachsstöcke zu Weihnachten. - Noch vor dreißig Jahren war es in Berlin beim Weihnachtsbaum Sitte, dem unerwartet eintretenden Gaste, für den man kein Geschenk bereit hielt, wenigstens einen Wachsstock anzuzünden, den man als ihm geschenkt betrachtete. - In der Herrnhuter Mädchenerziehungsanstalt Kleinwelka bei Bautzen lebt noch heute ein Brauch fort, der die Beziehung deutlich erhalten hat. Jedes Mädchen beschenkt nur ein andres; welches, bestimmt die Lehrerin. Die Empfängerin weiß nicht, wer sie beschenken wird. Auf einem weiß überdeckten Brette liegt neben der brennenden Kerze die Gabe. Die Geberin geht damit herum und neckt Einzelne mit der Frage: „Willst du's?" ohne sich jedoch um ihre Antworten zu kümmern. Ist sie endlich an die Richtige gekommen, so bläst sie zum Zeichen, daß das Geschenk nunmehr den Platz seiner Bestimmung erreicht hat, das Licht aus, und das Brett geht in die Hände der andern über.
Auch das Licht in der Mitte des Geburtstagskuchens und die Sitte, dem Geburtstagskinde so viel Kerzen anzuzünden, als es Jahre zählt, gehören hierher.
Auch in dem von der Insel Fehmarn angeführten Brauche entspricht sich Licht und Geschenk. Die Umziehenden bitten um ein Grüßlicht (Grötlicht) und erhalten ein Almosen.
In die Litteratur im engeren Sinne fand die festliche Weihnachtsbescherung mit Lichterglanz im Jahre 1745 Eingang, wenn auch zunächst nur in der Form eines Vergleiches. In Pyra und Langes 1745 nach Pyras Tode von Bodmer unter dem Titel „Thirsis und Damons freundschaftliche Lieder" in Zürich herausgegebenen Gedichten, steht ein „Heldengedichte" „Bibliotartarus" genannt. An den Reim gewandt, den er, wie nachher Klopstock und die Seinen, bekämpft, sagt der Dichter:

„Sie alle sehen Dir, bloß Deines Klimperns wegen,
Mit Klatschen, Ruhm und Lob und gantz entzückt entgegen!
So freudig können kaum die frommen Kinder seyn,
Wenn sie am Weihnachtsfest und bey der Lichter Schein,
Den Engel, der beschert, von ferne klingeln hören.
Und Kleinigkeiten dann noch ihre Freude mehren!"

Der Engel wird hier als bescherend gedacht, wenn er auch nicht mehr selbst erschienen zu sein scheint. Aber das Hervorgehen der Bescherung aus den Weihnachtsumzügen ist hier noch ganz deutlich, und die festliche Illumination hat sich bereits typisch mit der Bescherung verbunden.
Auch im Süden waren die Christgaben verboten. Um 1750 sagt das Augsburgische Jahreinmal:

Es kehren gleichfalls insgemein
Die Feirtag durch die Dotlein ein,
Zu sehen, ob von den Christgaben
Sie sich nichts zu erfreuen haben.

Im siebzehnten Jahrhundert hatte die Weihnachtsbescherung einen glänzenden Vorboten erhalten im Weihnachtsmarkt. In den alten reichen Städten des deutschen Südens hatte seit dem Aufblühen der Spielwarenindustrie im fünfzehnten Jahrhundert sich auch ein förmlicher Nikolausmarkt entwickelt. In Ulm und Augsburg ist er noch im achtzehnten Jahrhundert nachweisbar. Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts, mit der Verschiebung der Nikolausbescherung auf Weihnachten trat ein Weihnachtsmarkt daneben.
In Augsburg bestanden um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts Nikolausmarkt und Christmarkt nebeneinander. Das Augsburgische Jahreinmal sagt über den ersten:

Daß erste ist, daß unterm Cloßen
Man gehen muß, da man bei Licht
Die Waaren feyl hat, warum nicht
Bei Tag? Es ist leicht zu errathen:
Weil man jetzt gerne geht Gaßaten,
Bestellt einander alfo fort
Zur Compagnie an's dritte Orth.

und über den zweiten:

Darauff kommt in gemeffner Reyh
Auch des Christ-Kindleins Kirreweyh,
Da hat man auch bei Lichtern feyl,
Da geht man vor die lange Weil,
Zu sehen und sich sehn zu lassen.
So kalt es ist auf freyer Gassen.

Der älteste Weihnachtsmarkt, den wir kennen, gehört noch in das Ende des siebzehnten Jahrhunderts. Er fällt nach Nürnberg. Ein Zeitgenosse schildert ihn folgendermaßen: „Einige Tage vor dem Feste, an welchem die Kirchen der Protestanten fromm den Einzug des Herrn Christ ins Fleisch feiern, wird auf dem hiesigen Markt Weihnachtsmarkt gehalten, der der Kindleins Marck oder noch vollständiger der Christkindleins-Marck gewöhnlich genannt wird. Da ist nahezu der ganze Platz voll Holzbuden, die für Zeit aufgebaut sind und in denen aller Art Waren, um ein Citat zu brauchen, was nur zum Gebrauch und Vergnügen der Kinder, ja sogar der Erwachsenen vom Wunsche zu ersehnen und von der Phantasie zu ersinnen ist, zu verkaufen steht. Um sich diesen Markt zu beschauen, kommen aus den Nachbarstädten nicht nur die Leute der niederen Stände, sondern bisweilen auch Fürsten dahin. Die kleinen Kinder von Nürnberg aber .... sind überzeugt, das Christkind kaufe hier die Sachen, die es nachher in der Nacht zum Weihnachtstage unter sie austeilen wolle."
Wie an der Einführung der Weihnachtsbescherung, so hatte die Kirche auch am Weihnachtsmarkte ein ganz bestimmtes Interesse. In Hamburg räumte eine erzbischöfliche Anordnung für ihn sogar den Dom ein, den man sonst wohl verwahrt hielt. In seiner Vorhalle und seinen Kreuzgängen waren dann viele hundert Buden aufgeschlagen. Erst als man den Dom abbrach, wurde der Christmarkt auf andre freie Plätze verlegt, die man dann auch Dom nannte. Auch Frankfurt am Main kannte in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts den Christmarkt.
Am Weihnachtsmorgen 1772 schrieb Goethe an das Ehepaar Kestner aus Frankfurt: „Ich will euch schreiben, biss es Tag ist. Der Türner hat sein Lied schon geblasen, ich wachte drüber auf. Gelobet seyst du Jesu Christ. Ich hab diese Zeit des Jahrs gar lieb, die Lieder, die man singt . . . Als ich gestern über den Markt ging und die vielen Lichter und Spielsachen sah, dacht' ich an euch und meine Bubens wie ihr ihnen kommen würdet, diesen Augenblick ein himmlischer Bote mit dem blauen Evangelio, und wie aufgerollt sie das Buch erbauen werde."
Aus dem Jahre 1785 haben wir eine Schilderung des Leipziger Christmarktes: „Der Christmarkt," heißt es da, „geht drei Tage vor dem Feste an. In diesen Tagen sind auf dem Markte große und kleine Buden aufgebaut, die abends illuminiert werden und ein schönes Schauspiel von sich geben. Hier steht eine Bude mit allerlei Spielsachen für Kinder, als Bäume, Häuser, Gärten, Kutschen, Schlitten und dergleichen. Neben diesen sieht man Schränke, Tische, Stühle, Betten, Canapees und andre Tischlerarbeiten. Nicht weit davon wird man von dem schön geputzten Messingkram ganz geblendet. Hier steht eine Bude voll Zinn, da eine voll Silber, hier wieder eine voll Galanteriewaren. Da steht ein altes Weib, die hat einen kleinen Tisch vor sich, welcher mit Mißgeburten von Puppen besetzt ist, an deren jeder ein Zettel hängt mit Witzen, die sich der Wiedergabe entziehen. Diese Puppen finden jedoch reißenden Absatz, und selbst Leute, die viel von sich halten, kaufen solche Wechselbälge, die sie dem ersten besten Frauenzimmer zum Weihnachtsgeschenk präsentieren. Es ist allerdings schrecklich, daß es so weit gekommen ist; solche Weiber,, die dergleichen schändliches Zeug, das jeden gesitteten Menschen schamrot macht, öffentlich verkaufen, follte man aus der Stadt hinauspauken lassen. Aber Gott bewahre — das ist eine Sache, über die man scherzt.
„Der Markt ist an diesen drei Abenden so voll Menschen, daß man kaum durch die Gänge kommen kann. Die Studenten machen dabei den größten Lärm. Es hängen sich acht bis zwölf aneinander und wenn sie ein paar Frauenzimmer begegnen, so schließen sie einen Kreis um sie, daß selbige nicht wieder heraus können. Dabei treiben sie allerhand pöbelhafte Possen und lachen hinterher, als wenn sie etwas Schönes gethan hätten. Einige von ihnen sind so unverschämt, daß sie sich kleine Trompeten von Holz kaufen und jedem Frauenzimmer, bei dem sie vorbeigehen, ins Ohr blasen. Das nennen sie ,Commerce'.
„Soviel Menschen auch dabei herumgehen und die schönen Sachen angaffen und bewundern, so kaufen sie doch nichts. Die Verkaufsleute würden nicht bestehen können, wenn nicht am Tage mehr gekauft würde als Abends, und das geschieht auch. Es ist unglaublich, was die Leute zu der Zeit für Geld verschwenden." Seiner Novelle Weihnacht-Abend hat Ludwig Tieck eine Schilderung des Berliner Weihnachtsmarktes, um 1780-1793, vorangestellt, die bemerkenswert ist. Er erzählt sie nicht selbst, sondern sein Gewährsmann ist „Medling, ein geborner Berliner". Dieser berichtet: „Als ich ein Kind war, war der Markt und die Ausstellung, wo die Eltern für die Kinder oder sonst Angehörigen, Spielzeug, Näschereien und Geschenke zum Weihnachtsfeste einkauften, eine Anstalt, deren ich mich immer noch in meinem Alter mit großer Freude erinnere. In dem Theile der Stadt, wo das Gewerbe am meisten vorherrschte, wo Kaufleute, Handwerker und Bürgerstand vorzüglich ein rasches Leben verbreiten, war in der Straße, welche von Cölln zum Schlosse führt, schon seit langer Zeit der Aufbau jener Buden gewöhnlich, die mit jenem glänzenden Tand als Markt für das Weihnachtsfest ausgeschmückt werden sollten. Diese hölzernen Gebäude setzten sich nach der langen Brücke, sowie gegenüber nach der sogenannten Stechbahn fort, als rasch entstehende, schnell vergehende Gassen. - Vierzehn Tage vor dem Feste begann der Aufbau, mit dem Neujahrstage war der Markt geschlossen, und die Woche vor der Weihnacht war eigentlich die Zeit, in welcher es auf diesem be- schränkten Raum der Stadt am lebhaftesten herging, und das Gedränge am größten war . . . Um die Mittagsstunde wandelten dann wohl die vornehmeren Stände behaglich auf und ab, schauten und kauften, luden den Bedienten, welche ihnen folgten, die Gaben auf, oder kamen auch nur wie in einem Saal zusammen, um sich zu besprechen und Neuigkeiten mitzutheilen. Am glänzendsten aber sind die Abendstunden, in welchen diese breite Straße von vielen tausend Lichtern aus den Buden von beiden Seiten erleuchtet wird, daß fast eine Tageshelle sich verbreitet, die nur hie und da durch das Gedränge der Menschen sich scheinbar verdunkelt. Alle Stände wogen fröhlich und lautschwatzend durcheinander. Hier trägt ein bejahrter Bürgersmann sein Kind auf dem Arm, und zeigt und erklärt dem laut jubelnden Knaben alle Herrlichkeiten. Eine Mutter erhebt dort die kleine Tochter, daß sie sich in der Nähe die leuchtenden Puppen, deren Hände und Gesicht von Wachs die Natur anmutig nachahmen, näher betrachten könne. Ein Kavalier führt die geschmückte Dame, der Geschäftsmann läßt sich gern von dem Getöse und Gewirr betäuben, und vergißt seiner Akten, ja selbst der jüngere und ältere Bettler erfreut sich dieser öffentlichen, allen zugänglichen Maskerade, und sieht ohne Neid die ausgelegten Schätze und die Freude und Lust der Kinder, von denen auch die geringsten die Hoffnung haben, daß irgend etwas für sie aus der vollen Schatzkammer in die kleine Stube getragen werde. So wandeln denn Tausende scherzend mit Planen zu kaufen, erzählend, lachend, schreiend den süßduftenden mannigfaltigen Zucker- und Marzipangebäcken vorüber, wo Früchte, in reizender Nachahmung, Figuren aller Art, Thiere und Menschen, alles in hellen Farben strahlend, die Lüsternen anlacht: hier ist eine Ausstellung wahrhaft täuschenden Obstes, Aprikosen, Pfirsichen, Kirschen, Birnen und Aepfel, alles aus Wachs künstlich geformt; dort klappert, läutet und schellt in einer großen Bude tausendfaches Spielzeug aus Holz, in allen Größen gebildet, Männer und Frauen, Hanswürste und Priester, Könige und Bettler, Schlitten und Kutschen, Mädchen, Frauen, Nonnen, Pferde mit Klingeln, ganzer Hausrat, oder Jäger mit Hirschen und Hunden, was der Gedanke nur spielend ersinnt, ist hier ausgestellt, und die Kinder, Wärterinnen und Eltern werden angerufen, zu wählen und zu kaufen. Jenseit erglänzt ein überfüllter Laden mit blankem Zinn (denn damals war es noch gebräuchlich, Teller und Schüsseln von diesem Metall zu gebrauchen), aber neben den polierten und spiegelnden Geräten blinkt und leuchtet in Rot und Grün, und Gold und Blau, eine Unzahl regelmäßig aufgestellter Soldatesken, Engländer, Preußen und Croaten, Panduren und Türken, prächtig gekleidete Paschas auf geschmückten Rossen, auch geharnischte Ritter und Bauern und Wald und Frühlingsglanz, Jäger, Hirsche und Bären und Hunde in der Wildnis. Wurde man schon auf eigne, nicht unangenehme Weise betäubt, von all dem Wirrsal des Spielzeuges, der Lichter und der vielfach schwatzenden Menge, so erhöhten dies noch durch Geschrei jene umwandelnden Verkäufer, die sich an keinen festen Platz binden mochten, diese drängen sich durch die dicksten Haufen, und schreien, lärmen, lachen und pfeifen, indem es ihnen weit mehr um diese Lust zu thun ist, als Gold zu lösen. Junge Bursche sind es, die unermüdet ein Viereck von Pappe umschwingen, welches an einem Stecken mit Pferdehaar befestigt, ein seltsam lautes Brummen hervorbringt, wozu die Schelme laut: ,Waldteufel kauft!' schreien. Nun fährt eine große Kutsche mit vielen Bedienten langsam vorüber. Es sind die jungen Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses, welche auch an der Kinderfreude des Volkes Theil nehmen wollen. Nun freut der Bürger sich doppelt, auch die Kinder seines Herrschers so nahe zu sehen: alles drängt sich mit neuem Eifer um den stillstehenden Wagen." Von 1780 bis 1793 war diese Volksfeierlichkeit im Aufsteigen begriffen, dann ging der Schwerpunkt des Ganzen von den Buden in die neuerrichteten prachtvollen Läden über. Es richteten sich in den Straßen „Läden ein, die die theurern und gleichsam vornehmeren Spielzeuge zur Schau stellten. Zuckerbäcker errichteten in ihren Häusern anlockende Säle, in welchen man Landschaften aus Zuckerteig, oder Dekorationen, später ganze lebensgroße mythologische Figuren wie in Marmor ausgehauen, aus Zucker gebacken sah. Ein prahlendes Bewußtsein, ein vornehm thuendes Ueberbieten in anmaßlichen Kunstproduktionen zerstörte jene kindliche Unbefangenheit, auch mußte Schwelgerei an die Stelle der Heiterkeit und des Scherzes treten."
Weihnachten war ein volkstümliches Fest geworden, und auch als die katholische Kirche, die sich die Feier aus den Händen gleiten fühlte, die kirchliche Feier so gut wie ganz aufhob, fruchtete das nichts, so daß sie später die besondere Festfeier wieder einführen mußte. Durch eine Bulle des Papstes Benedikt XIV. vom Jahre 1753 und durch einen Hirtenbrief des Erzbischofs von Wien vom Jahre 1754 wurde der zweite und dritte Weihnachtsfeiertag nebst den entsprechenden Oster- und Pfingsttagen abgestellt. Am Morgen sollte man die Messe hören und dann arbeiten dürfen. Indessen der Erlaß drang nicht durch. Auch in den Habsburgischen Erblanden enthielten sich die Leute meist der Arbeit.
Hie und da blieben die Weihnachtsumzüge noch bestehen, aber immer mehr löste sich die Bescherung von ihnen los, auch wo sie noch scheinbar als Schenkende auftraten. In seinen „Jüdischen Merkwürdigkeiten", die um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erschienen, erzählt Schudt aus Frankfurt a. M.: „da am heiligen Christabend verkleydete Engel und Teuffel in den Häussern umhergehen und fragen, ob auch die Kinder fleissig beten und fromm sind; da sie dann niederknieen und weil sie beten, so legen der Vater oder die Mutter das, was sie ihnen verehren wollen, hinter sich auff einen Tisch und will sie dadurch bereden, als ob Gott ihnen diese Sachen vom Himmel schicke." Einen ganz ähnlichen Brauch berichtet das „Buch vom Aberglauben". Mit dem noch immer volkstümlichen Umzug ist es aber nicht einverstanden. Seine Voraussetzungen widerstreiten den Dogmen: „Daß man den Kindern um diese Zeit Geschenke giebt, ist an sich eine unschädliche Gewohnheit; daß man ihnen aber sagt, der heil. Christ gebe es ihnen, daß man befiehlt, Tücher auszubreiten, damit er darauf bescheren könne, daß man das Zusehen verbietet, weil er ihnen die Augen ausbuhsten könne - wer kann das billigen?"
Thatsächlich traten die Weihnachtsumzüge auch immer mehr zurück. Es war bereits die Zeit, in welcher der Weihnachtsbaum die Grenzen seines lokalen Daseins überschritten hatte und seine Verbreitung über das deutsche Sprachgebiet begann. Goethe, der in seinen Leiden des jungen Werther es allen empfindsamen Leuten nahelegte, ihn zu üben, kannte selbst die Weihnachtsbescherung aus seinem Vaterhause, liebte sie und schenkte selbst gern zu Weihnachten. 1772 sandte er kurz vor dem Feste an Kestner ein Packet, zu dem er schrieb: „Es ist Tamis für meine zween kleine Buben zu Wamms und Pumphosen, sonst Maletot genannt. Laßts ihnen den Abend vor Christtag bescheren, wie sich's gehört. Stellt ihnen ein Wachsstöckgen dazu und küsst sie von mir. . . . Hätt' ich bey euch seyn können, ich hätte wollen so ein Fest Wachsstöcke illuminieren, dass es in den kleinen Köpfen ein Wiederschein der Herrlichkeit des Himmels geglänzt hätte." Als er nach Weimar kam, war die Bescherung dort ebenfalls üblich, und auch aus seinem Elternhause erhielt er Weihnachtsgeschenke. Frau Rath sandte ihm alljährlich Frankfurter Marzipan, und er teilte davon regelmäßig Frau von Stein mit. So schrieb er am 30. Dezember 1780: „Von meinem Frankfurter heiligen Christ schick ich Ihnen einen Theil," und am 24. Dezember 1781: „Ich muß Dir einen guten Morgen sagen und Dir ein Stück Feiertagskuchen schicken, damit mein Verlangen, Dich zu sprechen, nur einigermaßen befriedigt werde." Am 24. Dezember 1785 sandte er ihr dieselbe Gabe: „Hier was Du Fritzen zu seinem heiligen Christe beilegen wirst. Erst wird bei der H(erzogin) beschert und dann komme ich zu Dir." Nur selten verlebte er das Fest selbst in Weimar; meistens zog er, sobald Schnee gefallen war und es ihm weihnachtlich zu Mute wurde, zu Fuß hinaus in die Berge. Poetisch ausgestaltet aber hat er nach jener ersten Jugendskizze nie wieder einen Weihnachtsabend, so viele schöne Weihnachten er auch erleben mochte, die ihn ergriffen, wie das Weihnachtsfest 1796 bei Frau von Stein mit Christbaum, Lichtern und Bescherung.
Die Leipziger Bescherung von 1785 kennen wir aus einer gleichzeitigen Beschreibung: „In Familien, wo nach Leipziger Sprachgebrauche ,der heilige Christ beschert', werden am heiligen Abend so viel Tische, als Kinder und Hausgenossen da sind, mit Spielsachen, Kleidern und anderen Geschenken aufgeputzt - vor allem aber die Aepfel, Nüsse und eine Stolle nicht vergessen, denn die drei letzten Artikel müssen nothwendig dabei sein, und wenn's auch gleich beim ärmsten Handwerker wäre. Die Kinder müssen vorher eine Rede halten oder ein Gedicht hersagen, ehe sie die geschenkten Sachen in Besitz nehmen können. Dieses macht ihnen gewöhnlich ihr Schulmeister oder in reichen Familien der Hof- meister. Sie plappern es natürlich ohne allen Sinn und Ver- stand her und sind herzlich froh, wenn es vorbei ist. Es ist kaum anzunehmen, daß ein einziges Kind weiß, was es sagt, indem sie das Augenmerk nur auf die Geschenke richten. Eine besondere Rolle spielt dabei der Herr Papa oder ein Verwandter, manchmal auch ein Dienstbote, als Knecht Ruprecht, auch Popanz oder Popelmann genannt. Er tritt in einem großen Pelze und sonst wunderlich angethan, mit einem großen Sacke auf dem Rücken herein, läßt die Kinder beten, fragt, wie sie gefolgt haben, und droht, die Sünder in seinen Sack zu stecken und mitzunehmen. Endlich läßt er, auf die Fürbitte der Mutter, sich doch bewegen, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Die Unfolgsamen müssen ihm aber mit der Hand versprechen, sich zu bessern, und dann wird der Knecht Ruprecht freundlich, öffnet den Sack und beschenkt, als Zeichen der Versöhnung, die Kinder mit Nüssen, Aepfeln und Zuckerzeug. Freilich kommt es auch oft vor, daß die Kinder den Popelmann in seiner Verkleidung erkennen und ihn, anstatt mit Angst und Furcht, mit lautem Jubel begrüßen."
Die Bescherung, welche sich ehedem von dem Umzug losgelöst hat, tritt wie in Kißlings Zittauer Bericht wieder mit ihm in Beziehung, wenn auch nur hie und da. Während man im Hause untereinander beschert, erscheint bisweilen noch eine vermummte Gestalt.
Aus dem blühenden Busch der Weihnacht war schon seit zwei Jahrhunderten der festlich geschmückte Tannenbaum geworden, da erfuhr die Ausrüstung der Bescherungstafel für kurze Zeit und in eng begrenzten Kreisen eine nicht unbedeutende Umbildung. Während sonst in Berlin Weihnachtsbaum und Pyramide am heiligen Abend friedlich nebeneinander flammten, brachten die französischen Emigranten in die höheren Kreise Berlins die Sitte, die Bescherungstafel mit allerhand Immergrün auszuschmücken - auch einem Surrogat für die blühenden Zweige der, Weihnacht. So erscheint der Bescherungstisch in Schleiermachers Gespräch „Die Weihnachtsfeier" 1806:
„Wie man in einem Wintergarten zwischen den immergrünen Stauden die kleinen Blüthen des Galanthus und der Viole noch unter dem Schnee oder unter der schirmenden Decke des Mooses hervorholen muß: so war Jedem sein Gebiet durch Epheu, Myrthen und Amaranthen eingehegt, und das zierlichste lag unter weißen Dekken oder bunten Tüchern verhüllt, indeß die größeren Geschenke rund umher oder unter den Tafeln mußten aufgesucht werden. Die Namenszeichen fanden sich mit eßbaren Kleinigkeiten geschrieben auf den Dekken, und Jedem lag nun ob, zu den einzelnen Gaben den Geber aufzufinden." Die Immergrünepisode aber war nur kurz. Der volkstümliche Weihnachtsbaum als Mittelpunkt der Bescherung schlug sie nur allzu schnell wieder aus dem Felde.
In Hoffmanns Märchen Nußknacker und Mausekönig sitzen die Kinder am Weihnachtsabend zusammengekauert in einem Winkel des Hinterstübchens. Die tiefe Abenddämmerung ist eingebrochen, und es wird ihnen recht schaurig zu Mute, als man ihnen kein Licht bringt. Sie wispern heimlich miteinander, wie sie schon seit früh morgens es haben in den verschlossenen Stuben rauschen und rasseln und leise pochen hören. Auch sei ein kleiner dunkler Mann mit einem großen Kasten unter dem Arm über den Flur geschlichen. Unterdessen sind die Eltern beschäftigt mit dem Einbescheren. Da streift ein heller Schein an der Wand hin. Die Klingel tönt, die Thür springt auf. Glanz strahlt aus dem Zimmer und die Kleinen bleiben wie erstarrt auf der Schwelle stehen und schauen nach dem lichterglänzenden Weihnachtsbaume und den Gaben unter ihm.
Auch wo die Umzüge noch bis zum Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts fortgelebt hatten, verschwinden sie jetzt. Die Erinnerung an sie bleibt noch eine Zeit wach durch die Form, welche die Bescherung annimmt, bis sie endlich doch in den großen Strom der älteren Schicht der Bescherung einmündet und in ihm untergeht. In Schleswig-Holstein vollzog sich in: Anfang unsers Jahrhunderts die Bescherung noch folgendermaßen: „Jedes Kind borgte sich vor dem Fest einen Teller oder eine Schüssel aus der Küche und stellte dieselbe, wie in Nürnberg um 1700, im Zimmer oder am Fenster hin; das hieß de Schöttel utsetten, nordfriesisch Skelk (Schälchen), dänisch Julefad. Und am Weihnachtsabend, wenn die Klingel die Kinder aus dem dunklen Vorgemach in das festlich geschmückte Zimmer rief, da fand jedes, was ihm, wie es hieß, das Christkind (Kindjes) gebracht hatte; auf dem Teller lagen Kuchen, Früchte und Spielsachen, das Hauptstück aber war ein mit scharfen (ungeränderten) Courantschillingen oder mit großen kupfernen Sechslingen gespickter Apfel. Als Beigabe lag wohl eine Rute daneben; als höchste Strafe aber galt es, wenn die Schüssel leer geblieben war. Hie und da auf dem Lande stellten dort die Kinder 1865 den „Teller für das Kindchen" erst am Weihnachtsabend beim Zubettegehen vor das Fenster; denn das Christkind nahm in der Nacht eine Scheibe aus, um seine Gabe hineinzulegen, und am Weihnachtsmorgen zeigte es sich, ob „Kindjes" dagewesen war.
In Böhmen war 1862 von den Umzügen nur noch eine mit Goldpapier beklebte Hand übrig geblieben. Sie warf damals die Weihnachtsgeschenke durch einen Thürspalt ins Zimmer. Eine Rute, Erbsen oder ein Stück Brot waren dabei Zeichen, daß eins der Kinder nicht folgsam gewesen war. Auch stellten die Kinder abends jedes einen Teller in die Kammer, auf die dann das Christkind die Gaben in der Nacht niederlegte.
Mit dem Aufschwung der Dogmenreligion in den ersten Jahrzehnten unsers Jahrhunderts dringt neue kirchliche Religiosität in die Weihnachtsfeier ein an Stelle der immer mehr verblassenden volkstümlichen Religionsübung der Weihnachtsumzüge. Hier und da klammert sie sich an die Krippe, die namentlich in katholischen Gegenden ebenfalls einen neuen Aufschwung nimmt, indem das fortgeschrittene Kunsthandwerk und der größere Reichtum in ihren Dienst treten. Anderorts wird die Geburtssage der Evangelien zur Bescherung hergesagt, oder es tönt der Choral:

„Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh!" -

Auch kindlichere Gesänge werden populär. Auch die Kleinen, die noch kaum reden können, singen mit das Lied W. Heys:

„Alle Jahre wieder
Kommt das Christuskind
Auf die Erde nieder,
Wo wir Menschen sind.

Kehrt mit seinem Segen
Ein in jedes Haus,
Geht auf allen Wegen
Mit uns ein und aus.

Ist auch mir zur Seite
Still und unerkannt.
Daß es treu mich leite
An der lieben Hand." -

Aber auf protestantischem Boden wenigstens ist es nur eine flüchtige Episode. Die freiere Religiosität, welche sich vorbereitet, mag wohl noch die Melodie, aber sie meidet die Worte. Das feierliche alte Wesen sinkt, Leben und Bewegung kommt in die Massen, und der kindlichen Lustigkeit, die einst schulmeisterlicher Ernst nur zu gern beschnitt, läßt man jetzt gerne freien Lauf. Nicht mehr kleine Herrn und Damen, nach französischem Muster wohl frisiert, will man haben, sondern muntere Kinder. Das Bemühen, ihrer Fröhlichkeit Ausdruck zu verleihen im Worte, im Verse, schafft zwar nur erst Geschraubtes, aber auch das erkennen Kinder dankbar an. Um den Bescherungstisch schließen Kinderhände einen Kreis. Kinderfüße tanzen und der Kindermund singt:

Morgen, Kinder, wird's was geben,
Morgen werden wir uns freu'n!
Welch ein Jubel, welch ein Leben,
Wird in unserm Hause sein.
Einmal werden wir noch wach,
Heisa, dann ist Weihnachtstag!

Wie wird dann die Stube glänzen
Von der großen Lichterzahl!
Schöner als bei frohen Tänzen
Ein geschmückter Kronensaal!
Wißt ihr noch, wie vor'ges Jahr
Es am heil'gen Abend war?

Wißt ihr noch mein Räderpferdchen,
Malchens nette Schäferin,
Jettchens Küche mit dem Herdchen
Und dem blank geputzten Zinn,
Heinrichs bunten Harlekin
Mit der gelben Violin?

Wißt ihr noch den großen Wagen
Und die schöne Jagd von Blei,
Unsere Kleiderchen zum Tragen
Und die viele Näscherei,
Meinen fleiß'gen Sägemann
Mit der Kugel unten dran?

Welch ein schöner Tag ist morgen!
Neue Freude hoffen wir.
Unsre guten Eltern sorgen
Lange, lange schon dafür.

- - - - - - - - - - - - - - - - - -

- - - - - - - - - - - - - - - - - -

Nein, ihr Schwestern und ihr Brüder,
Laßt uns ihnen dankbar sein
Und den guten Eltern wieder
Unsre ganze Liebe weihn!
O gewiß, wer sie nicht ehrt,
Ist der ganzen Lust nicht wert.

Laßt uns nicht bei den Geschenken
Neidisch aufeinander sehn.
Sondern bei den Sachen denken.
Wie erhalten wir sie schön,
Daß uns ihre Niedlichkeit
Lange noch nachher erfreut.

Auch der letzte Rest mythologischer Weltanschauung ist von der Weihnachtsfeier abgestreift. In dem Weihnachtsbaum, der sich über das gesamte deutsche Sprachgebiet, ja über dessen Grenzen hinaus verbreitet, erhält die Gegenwartsfeier ihren Mittelpunkt. Er ist nicht ihr Symbol, denn sie braucht keines, sondern er ist der Leuchter, an dem ihre Lichter glänzen, der Träger, an dem ihre Gaben hängen. Aus der Erinnerungsfeier an eine einmalige Begebenheit ist eine Gegenwartsfeier geworden, das Fest der Kinder, das Fest der aufwachsenden Generation, das Fest der Zukunft.



Wer sich für die Geschichte von Weihnachten und des Nikolausbrauchtums interessiert findet in Tilles "Die Geschichte der Deutschen Weihnacht" manch interessante Information. Tilles Werk wurde 1893 veröffentlicht. Alexander Tille (1866 -1912) war ein deutscher Germanist und Philosoph.
Die blühenden Bäume der Weihnacht
Die altdeutschen Schreibweisen wurden in den hier aufbereiteten Texten des Buches beibehalten.

Inhalt des Buches:
1. Christliches Jesusgeburtsfest, römische Januarkalenden und deutsche Winteranfangsfeiern
2. Mittelalterliche Weihnachten
3. Krippenfeier und Weihnachtspanorama
4. Jesusgeburtspiel
5. Weihnachtsumzüge
6. Volkstümlicher Weihnachtsglaube
7. Weihnachtsbescherung
8. Die blühenden Bäume der Weihnacht
9. Der Weihnachtsbaum






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